Was Sie über Intimchirurgie noch wissen sollten!

Ästhetisch-chirurgische Eingriffe am weiblichen Genital (Female Genital Plastic Surgery FGPS) zählen zu den neuesten Prozeduren bei kosmetischen Veränderungen. Soziale Netzwerke, die ständig wachsende Anzahl von meist marketingorientierten FGPS Webseiten sowie die zunehmende Berichterstattung in diversen Printmedien sind hauptverantwortlich für das steigende Interesse an genital-chirurgischen Eingriffen. Die Vielfalt an kolportierten Meinungen, Empfehlungen und Warnhinweisen verunsichert viele Frauen. Wir wollen nun genau wissen, aus welchen Gründen Frauen intim-chirurgische Operationen wünschen, wie hoch die Zufriedenheitsrate hinsichtlich Funktion und kosmetisches Ergebnis ist, welche Veränderungen des sexuellen Erlebens Frauen bei sich und ihren Partnern feststellen, wie häufig Komplikationen auftreten und welche besonderen fachlichen Voraussetzungen Ärzte, die solche Operationen durchführen, haben sollten.

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Dr. Skulavik

Estheticon hat deshalb die bekannte Fachärztin für Plastische Chirurgie, Frau OA Dr. med. Jozefina Skulavik gebeten, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Ferner äußert sich Frau Dr. Skulavik zu Ärztepfusch und Operationsfehlern , die zur Korrektur in ihre Praxis kommen.

Estheticon: Frau Dr. Skulavik, entsprechen vulvovaginale Eingriffe in der Regel den Erwartungen?

Dr. Skulavik: Wenn von qualifizierten Ärzten durchgeführt, ja durchaus. In einer an 258 Frauen vom 1. Jänner 2005 bis zum 31. März 2008 in zehn verschiedenen amerikanischen FGPS Zentren durchgeführten FGPS Studiei mit insgesamt 341 Eingriffen, davon 104 Schamlippenverkleinerungen, 24 Reduktionen der Klitorisvorhaut, 49 kombinierten Schamlippenverkleinerungen mit gleichzeitiger Reduktion der Klitorisvorhaut, 47 Vaginalverengungen und/oder Dammplastiken und 34 kombinierte Schamlippenverkleinerungen und/oder Reduktionen der Klitorisvorhau t mit gleichzeitiger  Vaginalverengung oder Dammplastik wurde untersucht, weshalb sich Frauen diesen Eingriffen unterziehen mit der zusätzlichen Zielsetzung,  die Höhe der Komplikationsrate festzustellen und das Ausmaß der Zufriedenheit mit dem jeweiligen Langzeitergebnis unter den Aspekten verändertes Erscheinungsbild und sexuelle Funktionalität zu bestimmen. In die Studie einbezogen wurden die Prozeduren Schamlippenverkleinerung, Reduktion der Klitorisvorhaut, Vaginalverengungen und Dammplastiken.

Funktionale Störungen, ein unästhetisches Erscheinungsbild und mangelndes Selbstwertgefühl wurden als wesentliche Gründe für eine Schamlippenverkleinerung und/oder eine Reduktion der Klitorisvorhaut angeführt, während  die Beseitigung einer als zu “weit“ empfundenen Vagina und die Steigerung des sexuellen Vergnügens ausschlaggebend für die Durchführung einer Vaginalverengung und/oder Dammplastik waren. 96,6% der behandelten Ärzte berichteten von “exzellenten bis “sehr guten“ chirurgischen Ergebnissen“. Geringe bzw. kurzlebige postoperative Komplikationen wurden von 6,2% der Ärzte beschrieben, während 91,5% der Frauen den jeweiligen Eingriff komplikationsfrei erlebten. 97,2% der Frauen mit Schamlippenverkleinerung oder Reduktion der Klitorisvorhaut und 83,0% der Frauen mit einer Vaginalverengung bzw. Dammplastik waren mit dem Operationsergebnis zufrieden. Bei Patientinnen mit kombinierten Eingriffen betrug die Zufriedenheitsrate 92,8%. Die Infektionsrate betrug 0%.

Von einer “moderaten“ bis “signifikanten“ Verbesserung ihres Sexuallebens berichteten 86,6% der Patientinnen mit einer Vaginalverengung oder Dammplastik und 92,8% der Patientinnen aus der kombinierten Gruppe (Schamlippenverkleinerungen und/oder Reduktionen der Klitorisvorhaut mit gleichzeitiger  Vaginalverengung oder Dammplastik). Mit 64,7% der Patientinnen wurden positive sexuelle Effekte in der Gruppe mit Schamlippenverkleinerung oder Reduktion der Klitorisvorhaut deutlich seltener erlebt. Ähnliche Ergebnisse konnten hinsichtlich der Verbesserung der sexuellen Befriedigung der Partner erzielt werden.

Zusammenfassend stellt die Studie fest, dass vorwiegend ästhetische, psychologische und funktionelle Gründe den Wunsch nach einem vulvareduktiven Eingriff (Schamlippenverkleinerung und/oder Reduktion der Klitorisvorhaut) erklären, wo hingegen das Gefühl “zu weit“ zu sein, mangelnde Reibung an der Klitoris und andere sexuelle Aspekte die wesentlichen Ursachen dafür sind, dass sich Frauen einem Eingriff am Scheideneingang oder innerhalb der Vagina unterziehen wollen. Diese Unterschiede in der Motivationslage sind statistisch signifikant.

Auffallend neben der generell hohen Zufriedenheitsrate sind die positiven sexuellen Effekte, sowohl bei den Patientinnen wie bei deren Partner. Gerade der durch genital-chirurgische Eingriffe erzielbare Lustgewinn wurde immer wieder von verschiedenen Seiten ernsthaft bezweifelt, was nun durch diese Studie gut widerlegt ist. FGPS kann tatsächlich die sexuelle Befriedigung von Mann und Frau verbessern, wobei die Rolle des Mannes im Entscheidungsprozess der Frau eine deutlich wenig bedeutsam ist. Besonders erfreulich ist, dass nur 5% aller Frauen angaben, dass sie ausschließlich auf Drängen des Partners einen Eingriff durchführen ließen. “Es stört ihn nicht; er sagt er liebt mich so wie ich bin“ war dabei der häufigste Kommentar.

Estheticon: Decken sich die Studienergebnisse mit Ihrer Erfahrung aus der täglichen Praxis?

Dr. Skulavik: Eigentlich ja. Im Bereich der plastischen Genitalchirurgie operiere ich ausschließlich Schamlippenverkleinerungen, Reduktionen der Klitorisvorhaut und kombinierte Schamlippenverkleinerungen mit gleichzeitiger Reduktion der Klitorisvorhaut. Frauen, die in meine Praxis kommen,  wollen eine Schamlippenverkleinerung aus denselben Gründen wie in der Studie. Chirurgische Korrekturen der Klitorisvorhaut werden aus zwei wesentlichen Gründen verlangt: entweder ist die Klitoris unter einer stark hypertrophierten Vorhaut förmlich “begraben“, oder durch eine ausgeprägte Vorhautverengung  quasi “eingesperrt“, was in beiden Fällen die direkte Stimulation der Klitoris erheblich einschränkt.  Zusätzlich empfinden viele Frauen ihre Vorhautfalten, ähnlich wie übergroße Schamlippen, als unansehnlich, peinlich und beschämend, obwohl ihre Sexualpartner nur sehr selten damit ein Problem haben. Meine Erfahrung nach zahlreichen Eingriffen bestätigt, dass diese Patientinnen vor dem Eingriff unter ihre Selbstwahrnehmung von Unattraktivität und der anatomisch bedingten Einschränkung ihres sexuellen Erlebens, bis hin zur völligen Orgasmusunfähigkeit, oft über viele Jahre gelitten und die Entscheidung für eine OP ganz sicher nicht übereilt getroffen haben.  Meine praxisinterne Statistik zeigt , dass alle meine Patientinnen mit dem Operationsergebnis  zufrieden sind. In 2 Fällen hat zu frühes Gehen nach der  OP Reibung und damit schwache  Blutungen und in einem Fall die Selbstinfektion mit E. coli im Zuge der Toilettenhygiene das Auseinanderweichen der Wundränder (Dehiszenz) in einer Länge von 1,5 cm ausgelöst. In ziemlicher Übereinstimmung mit der Studie berichten 58,7% meiner Patientinnen nach einer kombinierten Schamlippenverkleinerung mit gleichzeitiger Reduktion der Klitorisvorhaut über eine geringfügig bis deutliche Verbesserung ihres sexuellen Erlebens.

Estheticon: Nach allem was wir hören  sind chirurgische Korrekturen des weiblichen Genitals längst gut verstandene und risikoarme Eingriffe mit weit überdurchschnittlichen Erfolgsraten.  Dennoch klagen immer mehr Frauen über unbefriedigende Ergebnisse und  unerwartet schwere postoperative Komplikationen. Können Sie uns die Ursachen für diesen offensichtlichen Widerspruch nennen?

Dr. Skulavik: Die Intimchirurgie ist ein boomender Markt mit besonders hohen Wachstumsraten, und jeder möchte davon profitieren. Die vermehrte Darstellung voll- oder teilrasierter weiblicher Genitalien in sämtlichen Medien hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen bisher weitgehend tabuisierten Körperbereich gerichtet und die Entstehung eines neuen Schönheitsideals für den Intimbereich gefördert.

Diese Entwicklung erweckt Begehrlichkeiten, natürlich auch auf Seiten der fachfremden Ärzteschaft. Weil der Titel rechtlich nicht geschützt ist, kann sich jeder approbierte Arzt “Schönheitschirurg“ nennen und darf, ungeachtet seiner Ausbildung, Schönheitsoperationen, auch am weiblichen Genital, durchführen. Kein Wunder, dass schon Allgemeinärzte, Dermatologen, HNO Ärzte und sogar Gesichts- u. Kieferchirurgen intim-chirurgische Eingriffe vornehmen, die aus medizinischen Gründen ausschließlich von erfahrenen Fachärzten für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive  Chirurgie und,  wie im Falle von Vaginalverengungen und Beckenbodenplastiken, von darauf spezialisierten Fachärzten für Gynäkologie durchgeführt werden sollten. Bei unveränderter Rechtslage werden immer mehr selbsternannte “Schönheitschirurgen“  Pfusch-OPs an häufig schlecht informierten Frauen durchführen. Hohe Komplikations- und  Kunstfehlerraten sind somit unausweichlich. Darum empfehle  ich grundsätzlich allen Frauen, die ernsthaft über eine Intim-OP nachdenken, den Arzt bzw. die Privatklinik vorab zu überprüfen, um sicherzugehen, dass sie keine «Küchentisch-OP» erwartet.

Estheticon: Welche sind die häufigsten Kunstfehler die zu Ihnen kommen und wie weit können diese in einer Nachoperation zufriedenstellend saniert werden?

Dr. Skulavik: Indem ich bei Intim-OPs auf Schamlippenverkleinerungen und die Reduktion der Klitorisvorhaut spezialisiert bin, kommen  vorwiegend Frauen in die Praxis, bei denen in der Erst-OP zu viel Gewebe von den kleinen Schamlippen und/oder zu wenig oder zu viel Haut vom Klitorismantel entfernt wurde.

Die ästhetisch wie funktionell zufriedenstellende Sanierung ursprünglich schlecht operierter Schamlippen ist überhaupt nur in sehr seltenen Fällen möglich.  Die Korrektur-OP ist technisch höchst  anspruchsvoll und sollte nur von Plastischen Chirurgen mit jahrelanger Erfahrung auf dem Gebiet der Rekonstruktionschirurgie, im Besonderen der sogenannten Lappenplastiken, durchgeführt werden.

Die Anwendung ungeeigneter Operationstechniken und die durchaus berechtigte Sorge fachfremder Ärzte, die Sensibilität der Klitoris bzw. der Klitorisvorhaut dauerhaft zu beschädigen, führen oft dazu, dass zu wenig Vorhautgewebe entfernt wird und so das ursprüngliche Beschwerdebild  weitgehend bestehen bleibt. Dabei fällt auf, dass  unerfahrene Ärzte in der Erst-OP häufig eine im Internet stark beworbene Operationstechnik  anwenden, bei der die Reduktion der Klitorisvorhaut ausschließlich in horizontaler Richtung mit dem Ergebnis einer Vorhautverschmälerung  erfolgt. Zur Herstellung eines ästhetisch und funktionell zufriedenstellenden Ergebnisses ist in einer Nachoperation oft die Straffung der Klitorisvorhaut auch in vertikaler Richtung notwendig, wodurch diese ästhetisch passend verkürzt  und das Erscheinungsbild des gesamten äußeren Genitals zu einer ästhetisch- funktionellen  Einheit harmonisiert wird. Dieser wesentliche Schritt erfolgt in einer von mir entwickelten Technik der ich den Namen „Intimstraffung“ gegeben habe.  In jenen Fällen, bei denen zu viel von der Klitorisvorhaut in der Erst-OP entfernt wurde, ist das Resultat irreversible und eine Korrektur-OP unmöglich.

Estheticon: Frau Dr. Skulavik, wir bedanken uns für dieses Gespräch.


i Michael P. Goodman, MD,et.al. : A Large Multicenter Outcome Study of Female Genital Plastic Surgery. In: International Society for Sexual Medicine, 2009.

This cross-sectional study, including 258 women and encompassing 341 separate procedures, comes from a group of twelve gynecologists, gynecologic urologists and plastic surgeons from ten centers in eight states nationwide.

Aktualisiert: 04.08.2011

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